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Interview Christoph Adrian Macher über Retro-Design

Christoph Adrian Macher, Professor für Produktgestaltung an der Hochschule Wismar, spricht im Interview über den Trend zum Retro-Design in der Unterhaltungselektronik.

Philips Original-Radio ORD 7300
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© Philips (Symbolbild)

video: Woher rührt die Retro-Welle?

Christoph Adrian Macher: Um es einfach auszudrücken: Als die Geräte noch viele mechanische Bauteile hatten, musste sich das Design Vorgaben unterordnen, die letztendlich die Lesbarkeit der Beziehung von Form und Funktion beförderten und zu charakteristischen Formen führten. In der heutigen High-Tech-Elektronikwelt ist das Innenleben stark reduziert. Es fehlen auch mechanische Merkmale, sodass die Gestaltung weitgehend unabhängig von den Vorgaben technischer Strukturen stattfinden kann.

Die Hauptaufgabe der Gestaltung liegt nun auf dem Schaffen einer kommunikativen Ebene, die neben notwendiger Bedienerführung auch Auskunft geben kann über Leistungsfähigkeit und Qualität des Produktes. Letztgenannte Aspekte sind auch Bestandteile einer Produktidentität, die man durch den zusätzlichen Verweis auf Historisches zu unterstützen sucht. Dies ist eines der wichtigsten Motive zum Retro-Design. 

Christoph Adrian Macher, Professor für Produktgestaltung Hochschule Wismar und Auftragsproduktgestalter. © Hersteller/Archiv
Christoph Adrian Macher, Professor für Produktgestaltung Hochschule Wismar und Auftragsproduktgestalter.

video: Warum gerade "Retro"?

Christoph Adrian Macher: Zum Beispiel sind die 60er- und 70er-Jahre ein Dauerbrenner, weil sie eine sehr markante Gestaltung hervorgebracht haben. Das bezieht sich auf viele Bereiche wie Möbel, Uhren, Mode, Typografie. Das fröhliche Design bewegt noch heute. Die Stilistik der folgenden Jahrzehnte ist weniger markant.

Die 60er- und 70er-Jahre sind ein Dauerbrenner, weil sie eine sehr markante Gestaltung hervorgebracht haben Christoph Adrian Macher

Auch die Formsprache der 30er-Jahre wird herangezogen, wenn es darum geht, durch die Verwendung von handwerklichen Materialien eine Qualität zu assoziieren, die aufgrund heutiger Produktzyklen in bestimmten Marktsegmenten nicht mehr erreicht werden kann. Retro-Design erzeugt Vertrautheit, die altbekannten Bedienelemente simplifizieren die Komplexität der innen liegenden Elektronik, kaschieren manchmal auch ihre Anfälligkeit. 

video: Was macht einen Retro-Look aus?

Christoph Adrian Macher: Das ist eine eher individuelle Bewertung. Manche sehen in der Verwendung von Holzdekors bereits das Retro-Design. Elegant ist eine Synthese aus alten und neuen stilistischen Elementen, wobei das eher zurückhaltende Zitieren vergangener Stilepochen empfohlen wird. Mir als Designer gefällt auch, wenn hierbei etwas Ironisierendes mitschwingt. So kann man zitieren und macht dennoch darauf aufmerksam, dass die alten Zeiten vorbei sind, sich bestimmte Dinge logischerweise geändert haben.

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Extreme Design-Nachbauten, wie sie derzeit bei einigen Radios zu finden sind, würde ich nicht mit einer ernsthaften Auseinandersetzung, die eine retrospektive Sicht im Produktdesign auch bedeutet, gleichsetzen. Hier handelt es sich eher um Nostalgieprodukte, die aufgrund eines entsprechenden Preis-Leistungs-Verhältnisses auch weiterhin Käufer finden werden.

video: Wer kauft Retro-Produkte?

Christoph Adrian Macher: Erinnerungen an die "guten alten Zeiten" können nur ältere Menschen haben. Sehnsucht nach Sicherheit, Verlässlichkeit und Überschaubarkeit sind Aspekte, die als wichtige Marker dieser Käuferschicht in der Trendforschung ausgemacht werden.

Retro-Design: Moderne Technik im alten Gewand

Und so holt man mit dem Retro-Trend manchmal auch Kunden ab, die sich in der heutigen Zeit vielleicht nicht mehr ganz wohl fühlen. Es entsteht mit den Produkten ein Klima, das an überschaubarere Zeiten erinnert. Es gibt aber auch jüngere Käufer, die mit dem Thema eher spielerisch umgehen. Sie wollen sich abheben und betrachten Retro als gelungenen Spaß.

Bild oben: Philips Original-Radio ORD 7300

 
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