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Nostalgie Retro-Design: Moderne Technik im alten Gewand

Ob Fernseher, Netzwerk-Docking-Stations oder Verstärker – fast alle Hersteller liebäugeln mit Design von einst. So verbinden sich Nostalgie und High-Tech – zum großen Gefallen der Kunden.
home entertainment, hifi, retro, design © Hersteller/Archiv

Retro-Look, Vintage-Produkte oder Anleihen an Klassiker: Die Bezeichnungen für das Phänomen, mit dem aktuellen Stand der Technik immer mal wieder in frühere Jahrzehnte zu reisen, sind vielfältig. Die Lust auf Vergangenes kann ganze Modewellen prägen. Viele Designer und Trendforscher sind sich einig, dass vergangene Modetrends nach spätestens 20 bis 30 Jahren erneut auftauchen. Ein berühmtes Beispiel sind die Schlaghosen, die seit den Siebzigern immer mal wieder aufleben und in den 2000er-Jahren zurückkamen.

Retro-Trend in der Unterhaltungselektronik

Neben der Jahreszahlen-Kalkulation gibt es noch andere Erklärungsansätze für die Revivals. video hat bei dem bekannten Trendforscher Professor Peter Wippermann nachgefragt. Er definiert "Zeitinseln", innerhalb derer bestimmte Themen auftauchen, die wiederum Gegenbewegungen hervorrufen.

Interview: Christoph Macher über Retro-Design

Die Retro-Mode in der Unterhaltungselektronik erkennt er als Gegenbewegung zum derzeitigen "Verschwinden" der Geräte: "Fernseher oder MP3-Player etwa benötigen immer weniger Gehäuse. Das Retro-Design kann ihnen wieder eine Form verleihen."

Kaufberatung: Design-Fernseher im Test

Die Zahl von Vintage-Produkten steigt in der Unterhaltungselektronik stetig. Unterschiedliche, gerade erst neu auf den Markt gekommene Modelle zeigen, dass sich aus den bislang eher zufälligen Design-Ausflügen ein waschechter Trend entwickelt. Ob Sound-Docks, Fernseher, Netzwerk-Radios oder Fotoapparate, in fast allen Sparten stößt man auf frühere Jahre.

Philips Philetta 255

1955: Philips Radio Philetta 255

Die Retro-Styles

Jeder spricht von Retro, doch was macht Retro-Design eigentlich aus? Das ist zum Gutteil Ansichtssache, wie Design-Professor Christoph Adrian Macher im Interview darstellt. 

Philips etwa bringt sein Original Radio auf den Markt, das fast schon wie eine Kopie des Klassikers Philetta aus den Fünfzigern wirkt, auf dem das Modell basiert. Das Erstlingswerk, Philetta 203U aus dem Jahr 1941, hatte übrigens keine Glasanzeige und trug aufgrund seines dunkelbraunen Pressstoffgehäuses noch den Spitznamen "Kommissbrot".

Andere Hersteller lehnen sich nur zaghaft an Vorgänger an, wie Bang & Olufsen bei der Docking-Station Beolit 12, die an das Radio Beolit FM-AM aus dem eigenen Haus von 1959 erinnert. Bei der Gestaltungsidee habe jedoch das technische Kriterium der Mobilität den Vorrang gehabt, führt die Designerin Cecilie Manz aus. 

Denon berücksichtigte die Designwünsche von Händlern. Das Ergebnis war der spacige Netzwerkspieler Cocoon. © Hersteller/Archiv
Denon berücksichtigte die Designwünsche von Händlern. Das Ergebnis war der spacige Netzwerkspieler Cocoon.

Eine weitere Strömung der Retro-Gestaltung greift die Formen- und Materialsprache einer bestimmten Zeit auf, ohne dabei direkte Vorbilder wiederzubeleben. So übernehmen der Denon-Lautsprecher Cocoon und das Philips-Telefon Mira allgemein die runden Formen, die für die 70er-Jahre stilprägend waren und die den Audiorama-Lautsprecher von Grundig einst berühmt machten. Diese Rundungen erkennt man auch häufig im bekannten "Space Age"-Design, das Zukunftsstimmung vermitteln will.

Marantz greift das Thema mit der Consolette ebenfalls auf, packt jedoch aktuelle Gestaltungselemente hinzu – eine Stilrichtung, die Professor Macher innerhalb der Retro-Strömungen am meisten schätzt. 

Praxis: Unschöne Kabel einfach verstecken

Das Wave Radio von Bose wiederum greift mit seiner gerippten Front die Ästhetik amerikanischer Rundfunk-Empfänger der 40er-Jahre auf. Es ist mittlerweile selbst eine Art Klassiker, da es mit diesem Styling bereits 1994 erstmals auf den Markt kam. TV-Hersteller Metz zieht es vor, die Holzthematik der 50er-Jahre zu stilisieren (siehe Bild oben).

Eine ganz eigene Liga stellen Geräte dar, bei denen die Hersteller ihre Design-Linie in ununterbrochener Folge fortschreiben. High-Ender McIntosh pflegt dieses Konzept bereits seit rund 60 Jahren. Hier von Retro-Ambitionen zu sprechen passt nur wenig, obwohl das Aussehen eindeutig dafür spricht.

Der BeoVision 11 von Bang & Olufsen greift mit einer Lautsprecher-Abdeckung im Lochbrett-Design, harter Kantenführung des TV-Rahmens und bräunlichem Farbton Stile der 30er- und 40er-Jahre auf. Auch das Gestänge wirkt recht rustikal. In der Kombination jedoch interpretiert B&O die Themen auf individuelle Weise neu, sodass eine aktuelle Formensprache entsteht. © Hersteller/Archiv
Der BeoVision 11 von Bang & Olufsen greift mit einer Lautsprecher-Abdeckung im Lochbrett-Design, harter Kantenführung des TV-Rahmens und bräunlichem Farbton Stile der 30er- und 40er-Jahre auf. Auch das Gestänge wirkt recht rustikal. In der Kombination jedoch interpretiert B&O die Themen auf individuelle Weise neu, sodass eine aktuelle Formensprache entsteht.

Die Aura besserer Zeiten

Professor Dr. Peter Zec, Initiator und CEO des "red dot design award", geht mit den Firmen hart ins Gericht. Das Retro-Thema sei "in der Regel in Branchen anzutreffen, die entweder temporär oder permanent von einer gewissen Innovationsschwäche betroffen sind". Trendforscher Wippermann sieht eher Hilflosigkeit als zielgerichtetes Handeln der Firmen. Es gelte, "das Vakuum der digitalen Welt" zu bewältigen, "die kaum noch Formen braucht".

Als Beispiel führt er hochwertige Fototechnik an, die in Handys mit integriert ist. Vor allem im Luxus-Segment spiele Retro-Design daher eine große Rolle: Man wolle die analoge Welt simulieren, um das Gefühl bekannter Vertrautheit zu schaffen. Auch Professor Macher erkennt, dass die Firmen ihren Digitalprodukten "Charakter" verleihen wollen. Zudem beschwöre man die hohe Qualität früherer Produkte, die ganz anders als heute "eine ganze Generation lang halten sollten".

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Michael Geise von Yamaha bestätigt diese Vermutung. Die Bauweise der Siebziger sei "bestechend" und sei damals der Inbegriff eines Hi-Fi-Produktes gewesen. "Sie soll nun auch heute sagen: Das ist ein Produkt für hohe Ansprüche." Das komplette Design der Yamaha-Hi-Fi-Produkte basiert daher inzwischen auf ca. 40 Jahre alten Modellen aus dem eigenen Hause.

Auch Grundig baut beim Panorama-Lautsprecher darauf, "den Qualitätsanspruch weiterzutragen, der damals schon an die Materialien und die Technik gestellt wurde". Und Onkyo wolle von der "klaren Gerätefront schon lange vergangener Generationen" profitieren, meint Marketing-Mann Boris Struß.

Lochblech gibt auch dem kleinen Business-Beamer von AzureWave Retro-Charme. Die eckig ausgeformte Objektivöffnung perfektioniert den Effekt. © Hersteller/Archiv
Lochblech gibt auch dem kleinen Business-Beamer von AzureWave Retro-Charme. Die eckig ausgeformte Objektivöffnung perfektioniert den Effekt.

McIntosh verfolgt noch einen weiteren Ansatz: Laut Distributor Adib Khavari hat man das Ziel, den hohen Wiedererkennungswert zu bewahren und will obendrein die Möglichkeit schaffen, alte und neue Produkte ansehnlich miteinander zu kombinieren.

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Nicht nur den Herstellern, auch den Kunden darf man einen Hang zu "guten alten Zeiten" unterstellen. Laut Wippermann führt uns die Digitalisierung "in eine neue Welt, die den Händen entgleitet". Retro-Geräte vermittelten scheinbare Sicherheit, weswegen das Thema derzeit "hoch im Kurs" stehe. "Wir werden sicher noch zehn bis 20 Jahre mit Retro-Design zu tun haben, bis wir ganz in der digitalen Welt angekommen sind und uns völlig auf sie verlassen wollen."

Laut Professor Macher zeigt sich die Unsicherheit darin, dass man verstärkt in den Produkten des Alltags Halt sucht. Und das Nachahmen von Klassikern ermögliche es, alte Bedienstrukturen wie Drehknöpfe oder Skalen erneut aufleben zu lassen, die vermitteln, das Produkt sei einfach zu beherrschen. Ähnlich wie Wippermann spricht Macher von einer "Vertrauensebene" für Kunden, die sich in der heutigen Zeit nicht mehr ganz wohlfühlten.

Die blaue Farbe und die Art der Bügelpolsterung des RP-DJS 400 erinnern an frühere DJ-Kopfhörer. Panasonic will damit Jugendliche begeistern. Vorsichtshalber gibt es die Ohrmuscheln auch noch in weiteren Farben. © Hersteller/Archiv
Die blaue Farbe und die Art der Bügelpolsterung des RP-DJS 400 erinnern an frühere DJ-Kopfhörer. Panasonic will damit Jugendliche begeistern. Vorsichtshalber gibt es die Ohrmuscheln auch noch in weiteren Farben.

Für junge Menschen der aktuellen Zeit ist das kein Thema. Hier kann der alte Look allerdings als attraktiver Gag funktionieren. Wobei man etwa bei Yamaha der Ansicht ist, diese Zielgruppe gar nicht im Auge zu haben: An Haptik und Optik hätten Jugendliche nur noch wenig Interesse.

High-Tech im Oldtimer

Was die Generationen bereits wieder verbindet: Sogar Retro-Süchtige wollen keine überholte Technik. Daher packen die Hersteller hinter die Old-Fashioned-Fassade die trendigsten High-Tech-Tricks. Da wird die FM-/AM-Analogkiste zum Edel-Web-Radio mit WLAN-Anschluss, das nebenbei auch ein Handy-Dock ist. Fernseher in Holzoptik enthalten mitnichten eine Röhre, sondern bleiben dank LCD flach. Fotoapparate können noch so sehr nach 50er Leica aussehen, drinnen steckt statt des Diafilms in der Regel ein 12-Megapixel-Chip.

Daher streitet trotz der "Aura besserer Zeiten" kaum ein Kunde ab, dass aktuelle Verstärker gegenüber alten einen Quantensprung in puncto Qualität hinter sich haben. Auch was Mobilität betrifft, sind aktuelle Geräte nicht zu schlagen, etwa wenn MP3-Spieler und kleine, gut klingende Lautsprecher per Bluetooth-Funk miteinander kommunizieren. Selbst in den neuen Audiorama-Modellen von Grundig, die nach wie vor einfach nur Hi-Fi-Boxen sein wollen, steckt neueste Schallwandlertechnik und nicht das Klang-Equipment der Siebziger.

Mehr Retro geht kaum. Dennoch ist das Radio Tivoli One keine Kopie. Laut Designer Henry Kloss, USA, sollten Analog- Anzeige und Drehknöpfe die Bedienung erleichtern. © Hersteller/Archiv
Mehr Retro geht kaum. Dennoch ist das Radio Tivoli One keine Kopie. Laut Designer Henry Kloss, USA, sollten Analog- Anzeige und Drehknöpfe die Bedienung erleichtern.

In puncto Materialwahl hingegen gibt es eher Rückschritte. Trotz Holz- oder Metalloptik berührt man meist Kunststoff. Dass dies nicht förderlich ist, beweist das legendäre Kleinradio Tivoli Model One: Ein gutes Treiberkonzept, kombiniert mit Echtholz-Gehäuse, entlocken ihm besten Sound.

Doch nicht mal beim Material waren die "guten alten Zeiten" makellos. So sind Philetta-Radios mit intakter Anzeige besonders begehrte Sammlerobjekte, denn die Scheibe bekam laut Augenzeugenberichten schon beim nicht so vorsichtigen Staubwischen einen Sprung.

 
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