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Wem gehört der Bildschirm? TV-Sender wollen Smart TV einschränken

Smart TV – dieser Begriff steht vor allem für eine ganz neue Freiheit der persönlichen Programmgestaltung. Doch genau davor haben die großen TV-Sender Angst und fordern deshalb technische Schranken.

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© Archiv, Hersteller, Messe Berlin

Smart-TV-Portale – sprich: Web-basierte Programmangebote – gehören heute bei immer mehr Flachbildfernsehern zur Grundausstattung. Sie liefern zum Zuschauer vielfältigste Möglichkeiten, den Fernsehabend auch außerhalb des üblichen TV-Angebots unterhaltsam zu gestalten.

Doch was für den Nutzer eine neue Freiheit darstellt, ist den großen deutschen Anstalten ein Dorn im Auge. Einig wie selten kämpfen die öffentlich-rechtlichen Sender, also ARD und ZDF, gemeinsam mit der RTL-Gruppe schon seit ein paar Jahren hinter den Kulissen Seite an Seite, um ihre langjährige Vorherrschaft auf dem heimischen Bildschirm angesichts der neuen Konkurrenz aus dem Netz auch im digitalen Zeitalter zu bewahren.

"Wenn der Zuschauer das ZDF eingestellt hat, gehört der Bildschirm uns", konstatierte Dr. Andreas Bereczky, Produktionsdirektor des ZDF, auf einer Podiumsdiskussion zum Thema Smart TV im Rahmen der IFA 2012 in Berlin. Eine mehr als umstrittene Ansicht. Schließlich gehört der Bildschirm zuallererst einmal demjenigen, der ihn gekauft hat: dem Fernsehzuschauer.

Das
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© Messe Berlin
Das "Recht auf den Bildschirm" stand im Mittelpunkt einer Diskussionsrunde auf der IFA in Berlin, an der auch video-Chefredakteur Andreas Stumptner teilnahm, um gegenüber den TV-Sendern die Interessen der Leser und Verbraucher zu vertreten.

Angst ums Werbegeschäft

Doch worum geht es Herrn Bereczky und seinen Mitstreitern von RTL und Co. eigentlich wirklich?

Dr. Marcus Dimpfel, Bereichsleiter für strategische Unternehmensentwicklung bei RTL, warnte auf demselben Podium ausdrücklich davor, dass "die Integrität der Verbreitungssignale durch Überblendungen und Skalierungen des TV-Bilds mit Internet-Diensten beschädigt" werde.

Das heißt auf Deutsch: Es geht – wie fast immer – um den schnöden Mammon, ums liebe Geld. Denn: Sollten über die Smart-TV-Funktionalität des Geräts fremde Inhalte auf den Bildschirm gelangen, die das lineare Fernsehprogramm – beispielsweise die Tagesschau oder RTLs Supertalent – überlagern, hätten die Sender damit nicht nur selbst ein Problem, sondern vor allem ihre wichtigsten Partner: die Werbekunden.

Würden diese nicht mehr die Sicherheit haben, dass ihre Spots ohne jegliche Einschränkung auf dem Bildschirm zu sehen sind, könnten sie schnell die Lust verlieren, weniger bezahlen wollen oder gar ganz auf TV-Werbung verzichten, so die Sorge der Sendeanstalten. Zumindest die Privaten sähen damit ihr Geschäftsmodell in großer Gefahr.

Maßstäbe für die Hersteller

Doch gerade über diese Sichtweise lässt sich trefflich streiten – insbesondere, weil die Angst der Sender derzeit lediglich prophylaktischer Natur ist. Bislang gibt es beispielsweise gar keine Werbe- oder andere Inhalte, die als sogenanntes Pop-up oder Overlay ohne Zutun des Zuschauers auf den TV-Bildschirm gelangen oder gar das laufende Fernsehprogramm in den Hintergrund drängen.

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Grundsätzlich wäre dies jedoch machbar, wie André Schneider, Head of Product Strategy bei TV-Marktführer Samsung, auf dem Berliner Podium indirekt einräumte: "Technisch ist viel mehr möglich, als wir heute schon tun", sagte der Smart-TV-Experte. Dagegen wollen die klassischen Sender mit aller Macht vorgehen.

Was die meisten Zuschauer und Gerätebesitzer bislang nicht wissen: Sowohl ARD und ZDF als auch die Privatsender über ihren Verband VPRT haben längst konkrete Anforderungen formuliert, nach deren Maßstäben die Hersteller ihre Fernseher, Blu-ray-Player oder Set-Top-Boxen konfigurieren sollen, um die aus ihrer Sicht gefährlichen Szenarien zu verhindern oder im Keim zu ersticken.

In einem aktuellen Positionspapier von ARD und ZDF zu hybriden Fernsehgeräten, das der video-Redaktion vorliegt, fordern die Sender die Hersteller etwa auf, besagte Overlays auf den Geräten technisch nur dann zu ermöglichen, wenn diese von den Sendern jeweils für ihre Programme und Angebote autorisiert worden sind.

Selbst am PC und auf Tablets und Smartphones längst alltagsübliche Social-Media-Anwendungen wie Facebook, Skype und Co. wollen die öffentlich-rechtlichen Anstalten auf dem Bildschirm nur dann zulassen, wenn sie beide gegen diese Dienste nichts einzuwenden haben.

Internet-basierte Portale wie Samsungs Smart Hub bieten immer mehr spannende Filme, Nachrichten, Videos, Clips und Spiele. Die großen Fernsehsender betrachten die neuen technischen Möglichkeiten mit großer Sorge, weil Smart-TV-Angebote theoretisch ihr lineares Programm überlagern könnten.
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© Archiv, Hersteller
Internet-basierte Portale wie Samsungs Smart Hub bieten immer mehr spannende Filme, Nachrichten, Videos, Clips und Spiele. Die großen Fernsehsender betrachten die neuen technischen Möglichkeiten mit großer Sorge, weil Smart-TV-Angebote theoretisch ihr lineares Programm überlagern könnten.

Internetnutzung am Zweitbildschirm

Womit wir schon beim nächsten wichtigen Aspekt der Debatte wären: Wie realistisch sind die Forderungen der Sender nach einer kontrollierten, begrenzten technischen Nutzbarkeit von Smart-TV-Anwendungen, wenn die Zuschauer ihrer Lust nach einem Parallelkonsum von Fernsehprogramm und Internet-Inhalten längst freien Lauf lassen?

Laut einer Studie der Unternehmensberatung Anyweb rufen bereits knapp die Hälfte aller Fernsehzuschauer zwischen 14 und 49 Jahren, die auch das Internet nutzen, gelegentlich Online-Inhalte zum laufenden Fernsehprogramm ab. Das Stichwort lautet "Second Screen": Dabei handelt es sich um den zweiten Bildschirm, den man neben dem klassischen Fernseher zur Medienwiedergabe nutzt. Dies kann entweder ein Notebook, Tablet-PC, Smartphone oder nach wie vor auch der heimische Desktop-PC sein. Will heißen: Im Wohnzimmer wird längst parallel geglotzt, wenn auch noch nicht auf ein und demselben Gerät.

Vier TV-Geräte von 46 bis 60 Zoll im Test

Doch auch letzteres Szenario dürfte bald Realität werden. Der Zuschauer könnte demnächst eine Funktion an die Hand bekommen, die das TV-Bild skaliert, also in der Regel verkleinert, um daneben auf demselben Display im Kleinformat andere Anwendungen wie Wetter, Facebook oder weitere Apps starten zu können. Für die Sender ebenfalls keine schöne Vorstellung: Denn auch mit der Verkleinerung würden – so die Befürchtung – ihr Programminhalt und die Werbespots an Bedeutung und an Wert einbüßen.

Mehr Möglichkeiten auf großen TVs

Dem widerspricht Christoph Fiedler vom Verband der Zeitschriftenverleger, dessen Mitglieder sich immer öfter mit Apps auf Smart TVs engagieren wollen, vehement. Seine Meinung ist klar: "Die immer größeren Bildschirmdiagonalen bieten genügend Platz für alle."

Eine These, die sich mit einem simplen Rechenbeispiel gut belegen lässt: In vielen deutschen Haushalten sind heute (noch) 32-Zoll-Fernseher in Betrieb, sprich: TVs mit 82 Zentimetern Bildschirmdiagonale. Doch mittlerweile liegen beim Neukauf insbesondere Fernseher mit 120 cm Bild (46 bis 47 Zoll) im Trend. Und mehr Bildfläche bedeutet selbstverständlich mehr Nutzungsmöglichkeiten.

Leserumfrage: Die Zukunft von Smart TV

Ergo: Würde das herkömmliche TV-Bild auf einem solchen 47-Zoll- Gerät nun auf die bislang üblichen 82 Zentimeter analog zu besagtem 32- Zoll-TV skaliert, dürften sich ARD, ZDF und Co. auch weiterhin über eine stattliche Präsenz im Wohnzimmer freuen, während direkt daneben auf weiteren 30 bis 40 Zentimetern so manch andere Anwendung zum Einsatz kommen könnte. Anwendungen im Übrigen, die in der Zukunft auch deutlich über YouTube, Facebook und Co. hinausgehen.

Fernseher als Medienzentrale

Experten sind davon überzeugt, dass sich der große Bildschirm im Wohnzimmer mehr und mehr zur Medienzentrale im Heimnetzwerk entwickeln wird. Früher oder später werden sich nicht mehr nur Fotos und Videos aus dem privaten NAS-Server mit wenigen Handgriffen aufs Display beamen lassen. Videotelefonie per Skype ist bei Premiumgeräten der Topmarken dank eingebauter Kamera bereits heute möglich.

Ein Weg, auf dem sich freilich auch die Türkommunikation abwickeln ließe. Sprich: Auf einem "Bild im Bild" (einem Overlay) wäre der Postbote zu sehen, der gerade am Eingang geklingelt hat. Oder per Überwachungs- Cam das Baby, das in seinem Zimmer selig schläft: Baby-TV statt Babyfon sozusagen. Auf der IFA wurden indes die ersten Kühlschränke vorgestellt, die ein Bild aus ihrem Innenleben auf einen Bildschirm senden können.

Von der Realität überholt

Zugegeben, manch eines dieser Beispiele mag noch nach Spielerei klingen – und ist doch in ein paar Jahren vielleicht gelebter Alltag. Gut möglich, dass der Anspruch der klassischen TV-Sender, der Fernseher "gehöre" ihnen, sobald sie ihn bespielen, von der Realität gnadenlos überholt wird. Und gut möglich, dass der Begriff Fernseher dann vielleicht auch nicht mehr ganz passt.

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In ein paar Jahren, da sind sich Technikexperten und Zukunftsforscher jedenfalls längst einig, werden sich Bildschirme aller Art und Größe in unseren Lebensräumen wiederfinden, auf denen Bewegtbild-Entertainment, wie wir es heute von ZDF, RTL und Co. kennen, nur noch eine Anwendung von vielen sein wird.

Die Sendergruppen, die mit Apps und Mediatheken längst selbst in der Smart-TV-Welt unterwegs sind, werden ihr Geschäftsmodell eventuell neu definieren müssen. Doch bis dahin werden die politischen Ränkespiele hinter den Kulissen weitergehen, denn keiner wird die vermeintliche Vorherrschaft auf dem TV-Schirm freiwillig aus den Händen geben.

 
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