Interview Barbara Auer - Schauspiel vor Gericht
© ZDF / Martin Valentin Menke
teleschau: In Amerika gelten Filme, die vor Gericht spielen, als eigenes Genre. Warum gibt es dieses Genre in Deutschland nicht?
Barbara Auer: Vielleicht liegt das an unserem Rechtssystem. Daran, dass es hier keine Geschworenen gibt und damit alles etwas trockener ist. Das amerikanische Rechtssystem gibt den Filmschaffenden mehr Möglichkeiten, Menschliches zu inszenieren. Tatsächlich hatte ich beim Lesen unseres Buches etwas Sorge. Ich dachte, hm, hoffentlich werden die Gerichtsszenen funktionieren und nicht langweilen.
teleschau: Hatten Sie Angst, dass die Kühle des Gerichts, die Nüchternheit der Situation, auf Ihr Spiel abfärben?
Barbara Auer: Ja, ich muss zugeben, das war so. Umso erleichterter war ich, als ich den Film sah und merkte: Nein, das ist überhaupt nicht langweilig. Natürlich kommt es darauf an, wie man eine solche Verhandlung schreibt und inszeniert. Beides ist sehr gelungen, wie ich finde. Und wir drehten in einem Gerichtssaal, der vier Perspektiven hat, die alle genutzt wurden. Es gibt also nicht nur das Vorne und Hinten, sondern auch rechts und links. Protagonisten sitzen über Eck, im rechten Winkel. Einer beschuldigt jemanden, und man sieht den im Profil dahinter sitzen. Dadurch hatten Regie und Kamera viele Möglichkeiten. Dennoch war für mich die Figur der Richterin eine große Herausforderung. Eine Person, die sich neutral, unparteiisch und als Arm des Gesetzes verhalten soll. Wie legt man die so an, dass sich die Zuschauer für diesen Charakter interessieren - das war die Frage.
teleschau: Wie haben Sie sich vorbereitet?
Barbara Auer: Ich habe gelesen, eine Gerichtsverhandlung besucht, ich dachte viel nach. Rollenvorbereitung ist für mich immer eine Suche. Es gibt kein Standardrezept. Manchmal bin ich sehr fleißig, recherchiere viel. Hier habe ich eher darüber nachgedacht, was der Beruf mit dem Privatleben dieser Frau macht. Ich denke, es ist als Richterin ähnlich wie bei der Schauspielerei. Der Job bleibt nicht in den Kleidern hängen. Man nimmt die Fragen mit nach Hause. Kopf und Seele drehen sich weiter mit den Dingen, die einen professionell beschäftigen.
teleschau: Als Sie in die Welt der Richterin einstiegen - was hat Sie am meisten überrascht?
Barbara Auer: Zunächst mal war es meine erste Beschäftigung mit dieser Welt. Ich war überrascht, wie sehr mich die Atmosphäre vor Gericht eingeschüchtert hat. Da kamen ganz archaische Gefühle in mir hoch. Ich fühlte mich ziemlich unwohl. Als Angeklagte wäre ich wahrscheinlich ein Häufchen Elend (lacht). Ein anderer Aspekt am Beruf der Richterin, der mir vorher nicht so klar war, ist die Tatsache, wie oft man im Sinne der Paragraphen und gegen die eigenen Gefühle entscheiden muss. Das ist sicher ein ganz eigenes Dilemma in diesem Job.
teleschau: Der Film behauptet gleich zu Beginn, dass einen Anwalt die Wahrheit nicht zu interessieren hat. Weil sein Job die Verteidigung des Beschuldigten ist. Ein Richter hingegen darf von Berufs wegen gar keine Meinung haben. Wie spielt man diese Dinge?
Barbara Auer: Es sind genau diese Fragen, die für uns als Schauspielensemble wichtig waren. Der Film spielt mit wechselnden Wahrheiten und einer ständigen Unsicherheit bezüglich dessen, was wirklich passiert ist. Ich habe das für mich so gelöst, dass ich kein einziges Mal diese Frage in mir zugelassen habe: Ist er es, oder ist er es nicht? Weder in der Vorbereitung noch während des Spiels. Trotzdem empfindet man Sympathie und Antipathie. Das war für uns alle spannend zu spielen. Man musste sich in diese Haltung hineinbegeben, und dann hat es sich irgendwann verselbstständigt. Es hat etwas mit einem gemacht. Auch weil die anderen Schauspieler so gut waren und der Regisseur Matti Geschonneck so fein arbeitet.
teleschau: Sie meinen, man gewöhnt sich an den Zustand, dass man nichts weiß? Zumindest, was die Wahrheit betrifft, ob der Angeklagte nun seine Frau gequält und vergewaltigt hat oder nicht?
Barbara Auer: Wahrscheinlich gewöhnt man sich nicht wirklich daran, aber man lernt, damit zu leben. Ich glaube aber, ich würde mich damit schwer tun. Mit Entscheidungen, die ich treffen muss, die ich aber für falsch halte. Oder auch mit der großen Unsicherheit, ob ich falsch oder richtig entschieden habe.
teleschau: Sie haben also auch nicht mit Jörg Hartmann, der den Angeklagten spielt, über seine Rolle geredet?
Barbara Auer: Nein, wir haben über alles Mögliche geredet, aber nicht über seine Rolle und die Schuldfrage. Das wäre kontraproduktiv. Jörg Hartmann sagte einmal, er wäre der Einzige - außer seiner Filmfrau - der wüsste, wie es wirklich gewesen sei. Er muss das natürlich wissen als Schauspieler. Ich darf es nicht wissen, auch nicht als Schauspielerin. Das ist etwas anderes, wenn ich mit jemandem eine Beziehung spiele, da muss man sich natürlich über alles mit seinem Kollegen austauschen. Da geht es ja um Nähe und eine Fülle von Informationen, die man über den Anderen hat und die einem nutzen. Aber es gibt auch Regisseure, die mögen es grundsätzlich nicht, wenn die Schauspieler untereinander über ihre Rollen diskutieren. Es gibt sogar welche, die mögen es gar nicht, wenn die Schauspieler miteinander reden (lacht).
teleschau: Der Film wagt ein - im Fernsehfilm seltenes - offenes Ende. Manche sagen, dass so etwas nur im Kino funktioniert, dass die Zuschauer am Fernseher immer eine Auflösung haben wollen...
Barbara Auer: Ich finde, man kann den Leuten auch im Fernsehen ein offenes Ende zumuten. Einfach, weil offene Enden der Realität entsprechen. Ich finde es unbefriedigend und irritierend, wenn komplexe Dinge im Film kurz vor Ablauf der neunzig Minuten ganz salopp aufgelöst werden. Im Leben passiert das äußerst selten. Da muss der Mensch auch mit ganz vielen Unsicherheiten und Eventualitäten weiterleben.
teleschau: Hat "Das Ende einer Nacht" eine Botschaft?
Barbara Auer: Nein, eine Botschaft - das wäre zu einfach formuliert. Der Film konfrontiert den Zuschauer mit seinen eigenen Urteilen, Vorurteilen und Zweifeln. Das ist wie bei der Kachelmann-Geschichte. Jeder glaubt, eine Meinung zu haben, wie es wirklich gewesen ist. Aber am Ende müssen wir alle zugeben - wir wissen es nicht. Es ist wichtig, dass wir uns das eingestehen - dass wir es nicht genau wissen.
teleschau: "Das Ende einer Nacht" war Ihr erster Film mit Matti Geschonneck ...
Barbara Auer: Ja und ich muss zugeben, dass ich schon sehr lange mit ihm arbeiten wollte. Es war auch eine wunderbare Erfahrung, eine sehr fruchtbare Zusammenarbeit. Zu Ina Weisse, die ja im Film die Anwältin, also meine Widersacherin spielt, hat sich ein geradezu freundschaftliches Verhältnis entwickelt. Wir haben uns so gut verstanden, wie ich es selten bei einer Filmpartnerin erlebt habe.
teleschau: Sind Sie eigentlich zufrieden mit Ihrer Karriere - oder sind Träume unerfüllt geblieben?
Barbara Auer: Nein, ich bin sehr zufrieden mit meinem Leben und der Karriere. Ich spiele jetzt seit über 30 Jahren. Und ich hatte als Schauspielerin immer zu tun. Alleine das ist in diesem Beruf eine Erfolgsbilanz. Natürlich gab es bessere und schlechtere Jahre. Es waren Jahre dabei mit Filmen, die mir nichts bedeuten. Und es gab Jahre, die brachten gleich mehrere spannende Projekte. Das letzte Jahr war so eines.
teleschau: Sie sind jetzt 53 Jahre alt. Früher war es so, dass in diesem Lebensalter spannende Rollen, ja Hauptrollen, im deutschen Film selten waren ...
Barbara Auer: Ich habe das Gefühl, das hat sich geändert. Vielleicht wäre die Richterin, die ich spielte, früher eine etwas jüngere Frau gewesen. Aber es macht auch Spaß, so alt zu sein und Dinge und Erfahrungen aus dem eigenen Leben in die Rolle hineinzubringen. Ich kann heute viel brüchiger spielen. Die Figuren sind facettenreicher als viele von denen, die ich als junge Frau verkörperte. Früher dachte ich, um die 50 ist alles geregelt. Da kann man sich im Stuhl zurücklehnen und weiß, wo der Hase lang läuft. Das Gegenteil ist der Fall. Ich empfinde mein Leben als im positiven Sinne fragil. Man guckt nicht mehr so weit nach vorne. Und von manchen Wünschen und Vorstellungen musste man sich auch schon verabschieden. Aber auch das macht das Leben aus.
teleschau: Fühlen Sie sich mit Ihrem eigenen Lebensalter wohl?
Barbara Auer: Ja, das tue ich. Sehr wohl. Ich möchte kein Jahr jünger sein. Auch wenn ich mit jedem Jahr feststellen muss, dass es mehr Baustellen gibt. Das Einzige, was ich wirklich bedaure, ist, dass man weniger Energie zur Verfügung hat. Aber so lange ich mir die Kraft selbst einteilen kann, ist das okay.
teleschau: Sie haben noch einen relativ kleinen Sohn - hält der Sie auch jung?
Barbara Auer: Ich habe vier Kinder - eine Tochter und einen Sohn aus der ersten Ehe meines Mannes - dann meinen großen und den kleinen Sohn. Die Kinder sind 25, 22, 20 und neun Jahre alt. Neun - das ist in der Tat noch ziemlich jung. Aber man bekommt auf diese Art auch eine Menge von dem mit, was sich in unserer Zeit verändert. Welche Themen angesagt sind. Auch das ist ein Geschenk.