Interview Geraldine Chaplin - Von der Wiege bis zur Bahre
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teleschau: Frau Chaplin, haben Sie je in einer Wohngemeinschaft gelebt?
Geraldine Chaplin: Nein, nie. Aber ich hatte mit einer Freundin immer den Plan, dass wir mit oder ohne unsere Männer eines Tages zusammenwohnen werden. Mittlerweile verbindet uns seit 50 Jahren eine Freundschaft, aber es war bisher noch nicht notwendig.
teleschau: Aber Sie finden die Idee gut?
Chaplin: Ja, besser, als mit den Kindern zu leben.
teleschau: Warum das denn?
Chaplin: Schrecklicher Gedanke! Also meine Kinder wollten mich nicht. Und ich wollte es auch nicht. Was wäre man auch für eine fürchterliche Mutter, wenn man ihnen das antun würde. Nein, das mag früher so Handhabe gewesen sein, aber die Großfamilie, die alles zusammenhielt, ist heute auseinandergefallen. Ich habe meine Familie ausgewählt, und mit der möchte ich zusammenleben.
teleschau: Das sind klare Worte.
Chaplin: Ja, meine Mutter hat sich zu hundert Prozent um meinen Vater gekümmert. Er war lange Zeit hilflos, bevor er starb. Als sie ihn nicht mehr heben konnte, ließ sie sich von einer Krankenschwester unterstützen. Meine Mutter hat ihr ganzes Leben meinem Vater gewidmet, sich immer in seinen Dienst gestellt. Er wäre aber auch nicht in ein Haus mit anderen gezogen, das kann ich Ihnen sagen.
teleschau: Ihr Vater Charles Chaplin wurde 88 Jahre alt. Ein stolzes Alter. Wie empfinden Sie generell den Umgang mit älteren Menschen?
Chaplin: Die amerikanische Gesellschaft lässt die Menschen wählen zwischen "Schicke ich meine Eltern in ein Pflegeheim oder meine Kinder aufs College". Es ist doch abscheulich, jemanden vor eine solch höllische Entscheidung zu stellen. Wie soll man das entscheiden? Und deswegen meinte ich vorhin, die Vorstellung, mit den Kindern zu leben, die sich um ihre kranken Eltern kümmern, ist hart - für die Kinder.
teleschau: Sie werden das anders machen?
Chaplin: Es gibt eine Gesellschaft für Sterbehilfe in der Schweiz, da gehöre ich hin. Aber das sollte ich vermutlich nicht sagen. Natürlich würde ich gerne eine Wohngemeinschaft gründen, aber da würde vermutlich der Blinde den Blinden führen. Doch ganz genau kenne ich meine Meinung selbst nicht, weil Leben so süchtig macht und man dann doch daran hängt.
teleschau: Wie stehen Sie dazu, älter zu werden?
Chaplin: (laut) Ich hasse es. Am Alter ist nichts Gutes dran, der Körper funktioniert nicht mehr, und das mit der Weisheit ist auch Quatsch. Die Jungen sind viel schlauer. Wenn ich wählen dürfte, würde ich den Erhalt der Physis wählen. Dann ist einem der Rest vielleicht egal, weil man es nicht mitkriegt. Ich finde das Alter wurde ganz schlecht eingeführt. Da ist was schiefgelaufen.
teleschau: Wie meinen Sie das?
Chaplin: Ich kenne keinen 80-Jährigen, der eine 80-Jährige begehrt. Dein Kopf spielt nicht mit, aber die sexuellen Bedürfnisse sind noch da. Und die 80-Jährige hätte auch lieber den 35-Jährigen. Hirn und Körper reifen nicht analog, und das Gehäuse lässt sich nicht wechseln.
teleschau: Bevor wir in die Depression stürzen, müssen wir jetzt irgendetwas Erfreuliches finden.
Chaplin: Ich habe so viel zu arbeiten wie nie zuvor. Da ich keine Schönheitsoperationen hinter mir habe wie die meisten meines Alters, bin ich ganz oben auf der Liste, wenn Großmütter zu besetzen sind. Altern hat mir also einen Karrierekick versetzt.
teleschau: Lehnen Sie Schönheitsoperationen per se ab?
Chaplin: Anfang 40 kam mir mal der Gedanke, aber ich kam nicht dazu. Außerdem hatte ich Angst davor, in ein Krankenhaus zu gehen, ohne krank zu sein. Da fällt mir gerade ein Erlebnis mit Jane Fonda ein während des Filmdrehs. Das muss ich Ihnen erzählen.
teleschau: Bitteschön, gerne.
Chaplin: Wir drehten in einem Altenheim, und Jane fragte dort wie eine Journalistin nach dem ältesten Bewohner. Es war eine Frau mit 106 Jahren. Wir haben sie besucht und nachdem wir geklärt haben, ob sie Charles Chaplin kannte, befragten wir sie, was ihr am meisten Vergnügen bereite. Plötzlich kam Leben in die Dame, sie riss die Augen auf und sagte: "Nichts! Nichts!" Die Krankenschwester mühte sich um Schadensbegrenzung, erinnerte sie an die Karten von der Verwandtschaft, aber die Frau war in Fahrt und blieb dabei: "Nein, ich habe kein Vergnügen." Jane und ich mussten so lachen, wie energisch sie darauf bestand, dass man mit 106 keinen Spaß hat.
teleschau: Damit die Leser glauben, dass Sie eine wunderbare Frau mit einer ungemein optimistischen Ausstrahlung sind, dürfen Sie nun Ihr Schlusswort freigestalten. Nur positiv muss es sein.
Chaplin: Ich beschäftige mich nicht mehr damit, ob ich vor der Kamera gut bin, denn das Arbeiten an sich macht mir mehr Spaß als das Resultat. Seit einer Weile denke ich mir einfach, dass es das Beste ist, was ich je getan habe, anstatt mich zu grämen, ob das alles gut werden wird. Arbeit hält dich oben auf deinen Zehen (Anm. d. Red.: Chaplin war einmal Balletttänzerin).