Interview Ina Müller - Frech, fröhlich, friesisch
© Mathias Bothor / 105 Music
teleschau: Frau Müller, Ihre Sendung "Inas Nacht" ist auch eine Bühne für spektaktuläre Auftritte von Independent-Bands. Wie suchen Sie sich Ihre Musik-Gäste aus?
Ina Müller: Bei mir zu Hause steht ein großer Korb voll mit Musik. Ich suche gerade die Sachen raus, die ich im Sommer in meiner Sendung hören möchte. Es dauert ja ein bisschen, bis wir herausgefunden haben, wer wann Zeit hat, um die Leute dann auch einladen zu können. Deswegen höre ich mir jetzt nach und nach die neuen CDs und Bands an.
teleschau: Was muss man tun, um es in Ihren Korb zu schaffen?
Müller: In den Korb schafft es erst einmal fast jeder. Und ich höre mir auch alles an. Doch damit die Songs eine Chance haben, müssen sie mich wirklich anzocken. Es gibt ja wahnsinnig viel Musik, die es schon gibt.
teleschau: Sie legen also die Beine hoch, machen abfällige Bemerkungen und schleudern die abgelehnten CDs dann verächtlich durch den Raum?
Müller: Wir machen "Inas Nacht" ja jetzt schon seit einiger Zeit. Und ich habe erst zwei CDs nachts aus dem Fenster geworfen, weil mich die Musik beleidigt hat. Ich war damals aber wirklich wütend. Die Musik war so doof, dass ich das Rausschleudern irgendwie passend fand. Ich sitze aber nicht wie eine Gunstverteilerin in meinem Sessel. Ich höre mir alles an, ebenso der musikalische Redakteur meiner Sendung. Und dann einigen wir uns irgendwann. In vielen Fällen wäre nur eine Stimme echt zu wenig.
teleschau: Haben Songs, bei denen sie schon beim ersten Anhören innerlich mitsingen, bessere Chancen, es einmal in Ihre Show zu schaffen?
Müller: Manchmal ja. Manchmal sitze ich im Auto, höre einen Song, habe eine Idee, was man damit machen kann - und schon hat er mich angezockt und ich singe mit. Man kann es hassen oder mögen: Aber ich singe nun mal unglaublich gerne mit. Es ist halt auch ein bisschen das Konzept der Sendung, und die meisten Musiker mögen das sogar oder akzeptieren es einfach. Da bleib ich hart!
teleschau: Recht so!
Müller: Als ich anfing mit "Inas Nacht", war es noch sehr selten, dass man recht unbekannte Indie-Bands im Fernsehen zu sehen und hören bekam. Heute gibt es Spartensender wie ZDFneo oder Einsfestival mit immer neuen Musikshows, und die sehe ich schon ein bisschen als Konkurrenz. Da treten halt auch oft die Künstler auf, die ich sehr gerne einladen würde.
teleschau: Haben Sie sich also selber den Markt verdorben ...
Müller: Indie-Bands mit eher sperriger Musik einzuladen, ist jetzt irgendwie hip. Es freut mich natürlich sehr für die Bands, dass es jetzt endlich auch im TV eine Plattform für sie gibt. Um "Inas Nacht" mache ich mir dabei ein bisschen Sorgen. Wir setzen uns demnächst mal zusammen und überlegen, was wir vielleicht ändern müssen, weil die Bands mittlerweile gleichzeitig auch in zehn anderen Sendungen zu sehen sind.
teleschau: Aber die netten Herren vom Shanty-Chor bleiben?
Müller: Unbedingt! Brauchen wir neue Jingles? Nö! Wir machen zwölf Sendungen im Jahr. Das ist ja nun auch nicht die Welt. Wir wollen uns nicht abnützen. Aber bei zwölf Sendungen ist diese Gefahr noch überschaubar.
teleschau: Mittlerweile läuft "Inas Nacht" auch im ARD-Hauptprogramm. Macht das für den Charakter der Sendung eigentlich einen Unterschied?
Müller: Ob ARD oder NDR ist mir egal, das hat ja keine Auswirkung auf die Aufzeichnungsbedingungen. Ich treffe viele Menschen, die meine Sendung immer noch nur im NDR sehen. Offiziell läuft sie jetzt halt nachts im Ersten. Da zappen die Menschen einfach rein. "Inas Nacht" ist eine typische Sendung, bei der man hängen bleibt, wenn man spät nach Hause kommt und noch mal eben den Fernseher einschaltet. Viele schauen sich die Sendung ja auch über die Mediathek im Internet an. Quoten interessieren mich nicht, wie soll man die auch um die Zeit interpretieren.
teleschau: Die Einstellung ist nicht gerade typisch für die Branche ...
Müller: Ich gehöre wirklich nicht zu den Fernsehmenschen, die morgens aufwachen und sich als Erstes die Quote angucken und dann Stunden damit verbringen, nach Gründen zu suchen, warum die Quote wohl so ist wie sie ist ... Krank!
teleschau: Dann haben Sie aber sicher auch beim Moderieren keinen Stock im Rücken, nur weil sie im Hauptprogramm laufen?
Müller: Bei uns sagt man "Stock im Arsch", und den hatten wir schon bei der Entstehung der Sendung "Inas Nacht" nicht. Die zuständigen Chefs beim NDR sind wirklich cool. Manchmal ist ihnen meine Sendung sogar nicht anarchisch genug.
teleschau: Soll heißen, Sie hätten alle Freiheit, noch eine Schippe draufzulegen ...
Müller: Warum nicht? Allerdings muss ich nicht auf Krampf Krawall machen oder provozieren.
teleschau: Dass Sie sich zwingen müssten, einfach mal was ganz Verrücktes zu machen, kann man sich nur schwer vorstellen.
Müller: Ich glaube, es ist ähnlich wie bei meinen Auftritten auf der Bühne. Wir fahren los mit dem Tourbus, kommen in die Halle - und schon schnellt mein Adrenalinpegel hoch. Dadurch werde ich lauter und schneller, aber auch ein wenig angespannter, als ich es sonst bin. Meistens ist die Sendung aber doch so, wie wenn wir zwei bei einem Bier zusammensitzen, und da kommt dann noch ein Dritter dazu und trinkt mit. Ich finde die Sendung auch gar nicht so laut und aufgedreht, wie ich manchmal zu hören bekomme.
teleschau: Ihre aktuelle Tour führt Sie an so exotische Orte wie zuletzt sogar Kempten im Allgäu. Müssen Sie sich für so ein Publikum vor dem Auftritt aufpumpen?
Müller: Ich bin seit 20 Jahren auf Bühnen unterwegs, in Kempten war ich noch nie. Allein schon die Fahrt dorthin war sehr lustig: Meine Band und ich sitzen nun schon seit drei Monaten zusammen im Tourbus. Normalerweise ist auf der Fahrt jeder mit sich selbst beschäftigt, und keiner schaut mehr raus. Auf dem Weg von Zürich ins Allgäu klebten wir wie Kinder an den Fensterscheiben. Echte Berge! Schnee! Ist das schön! Das Allgäu sieht wirklich aus wie eine Modelleisenbahn-Landschaft.
teleschau: Und der Auftritt?
Müller: Der war toll. Ich bin ein großer 3.000-Leute-Mehrzweckhallen-Fan. In einem Club wird's auf der Bühne schnell eng, es ist schwitzig, und die Leute stehen direkt vor dir. Das ist für mich eine viel größere Herausforderung - und mehr Rock'n'Roll. In der Mehrzweckhalle habe ich meinen Platz. Und ich komme ja vom Land. Seit der Zeit von Internet und Smartphones hat sich dieser Gegensatz ohnehin erledigt. Ich glaube, dass die Leute auf dem Dorf genauso weit sind wie in den großen Städten. In einigen Sachen vielleicht sogar noch ein wenig weiter.
teleschau: War es denn eine gute Schule für Sie, auf dem Land groß zu werden?
Müller: Ich war's nie anders gewohnt. Von Geburt an immer wieder zu hören: "Nimm dich nicht so wichtig", hat mir immer gut getan. Los jetzt muss gemolken werden! Wir müssen noch die Kühe umtreiben! Und es muss noch Silage in die Scheune! Der Pragmatismus meiner Eltern und das Bodenständige meiner Familie haben mich sehr geprägt.
teleschau: Ausgehen war ja wohl nicht immer ganz leicht - rein logistisch gesehen.
Müller: Für uns junge Leute war es immer wichtig, dass wir im Dorf einen fanden, der schon 18 war und einen Führerschein hatte. Ich habe bis heute ein Auto in Hamburg - was eigentlich völliger Quatsch ist. Aber mir gibt mein Auto das Gefühl von Freiheit. Wir hatten doch alle mit 17 den Führerschein fertig, damit wir ab dem 18. Geburtstag fahren konnten. Busse gab's bei uns kaum. Und die Eltern fuhren uns damals einfach nicht. Wenn Mütter heute Taxiunternehmen sind, muss ich lachen. Meine Mutter wäre umgefallen, wenn ich sie gefragt hätte, ob sie mich zum Schwimmen fährt.
teleschau: Nie Bammel gehabt, wenn es mal wieder spät wurde?
Müller: Doch. Das ist für Mädchen anders als für Jungs. Wenn ich nachts aus der Disko zurückkam, ließ man mich häufig an der Ecke raus. Bis zum Haus wollte ich mich nicht extra bringen lassen. Dann musste ich durch ein dunkles Waldstück bis zum Hof alleine gehen. Das war sehr, sehr gruselig.
teleschau: Wie muss man sich bei Ihnen das Schreiben neuer Songs eigentlich vorstellen? Sie arbeiten ja meist eng mit Ihrem Co-Texter Frank Ramond zusammen.
Müller: Früher mit Queen Bee haben wir meistens gecovert - und uns zu bestehenden Songs neue Texte einfallen lassen. Seit ich solo Musik mache, treffe ich mich mit Frank - an klar ausgemachten Terminen. Und da bringe ich meine ganzen Zettel und Notizblöcke mit den Song-Ideen mit.
teleschau: Und in Ihrem Kalender steht dann "14.30 bis 17.00 Uhr kreativ sein"?
Müller: (lacht) Da steht: "Von elf bis elf kreativ sein"! Für mich sind Musiktexte Handwerk oder besser vielleicht Kunsthandwerk. Auch wenn viele das nicht so gerne hören wollen. Ich falle nicht jeden Tag verschroben aus dem Bett und brülle laut: Oh Gott, ich habe eine Idee! Texte-Schreiben ist so schwierig. Und Frank ist für mich - ganz subjektiv - der beste Kunsthandwerker den es gibt. Er kann meine Ideen, die ich ihm erzähle, eins zu eins in Reimform bringen. Für mich ist das ein Segen. Deswegen werde ich auch das nächste Album wieder mit ihm machen. Ich bin kein fluffiger Singer-Songwriter, der mal eben im Zug aus dem Fenster guckt - und schon wieder einen neuen Hit beisammen hat.
teleschau: Eine Flasche Rotwein ...
Müller: ... hilft mir nicht. Es macht total Spaß, mit Rotwein intus etwas zu schreiben. Aber das schmeißt man am nächsten Morgen wieder weg. Ich jedenfalls. Auch besoffen auf der Bühne zu stehen, ist das Schlimmste, was mir passieren könnte. Ich kann dann nicht mehr richtig singen, die Töne sind schief, und ich vergesse die Texte.
teleschau: Freuen Sie sich eigentlich schon auf den Moment, wenn Sie sich bei der "Echo"-Verleihung selbst einen Preis überreichen können?
Müller: Ich glaube nicht, dass es dazu kommen wird. Jetzt bin ich das fünfte Jahr in Folge nominiert - das freut mich. Meine Songs finden eigentlich nur auf der Bühne statt. Einen Radio-Hit hab ich nie gehabt. Deshalb freue ich mich doppeltdoll über die Nominierungen.
teleschau: Hape Kerkeling hat sich bei der "Goldenen Kamera" selbst einen Preis überreichen dürfen. Wäre das nicht auch ein "Echo"-Highlight für Sie?
Müller: Für mich als Musikerin ist der "Echo" der wichtigste Preis, und ich bin natürlich ganz scharf darauf, ihn irgendwann zu kriegen. Ein "Echo"-Highlight wäre dann aber für mich nicht, ihn mir selber zu überreichen. Da bin ich altmodisch.
Ina Müller auf Deutschland-Tournee:
23.03., Oberhausen, König-Pilsener-Arena
24.03., Köln, Lanxess Arena