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Ratgeber Die Rückkehr des Show-Fossils

Seine TV-Karriere startete er 1980 als "Hausmeister" im "WWF Club" des WDR. Spießerbart und knallige Hawaiihemden wurden sein Markenzeichen. Entertainer, Zotenreißer und Wort-Jongleur Jürgen von der Lippe prägte die deutsche Fernsehlandschaft mit Shows wie "Donnerlippchen" (1986 bis 88), vor allem aber dem Langzeiterfolg "Geld oder Liebe" (1988 bis 2001). Im Laufe der Nullerjahre wurde er zu einem Gesicht, dass man eher mit den privaten Sendern verband. 2004 und 2005 spielte von der Lippe einen Pfarrer in der RTL-Comedyserie "Der Heiland auf dem Eiland". Ab 2006 war er gelegentlich in der "Schillerstraße" bei SAT.1 zu sehen. Mit "großer Abendunterhaltung" scheiterte der 63-jährige Wahlberliner zuletzt. Die ProSieben-Spielshow "Extreme Activity" wurde 2007 wegen schwacher Quoten eingestellt. Nun soll der TV-Veteran dem Import eines holländischen Unterhaltungsformates zum Erfolg verhelfen. Dabei könnte die ironische Quizshow "Ich liebe Deutschland" (ab 15.07., freitags, 20.15 Uhr, SAT.1) auch ein Fingerzeig sein, dass private Sender ab sofort ein älteres Publikum ins Visier nehmen.
© SAT.1 / Andre Kowalski

teleschau: Guckt man sich das holländische Original von "Ich liebe Deutschland" an, erinnert das an eine überdrehte Karnevalssendung mit explodierenden Torten und Mitgrölgesängen. Sind die Deutschen für so etwas überhaupt lustig genug?

Jürgen von der Lippe: Auch wenn ich kein besonders strenger Gastgeber bin, werden wir das in Deutschland sicher etwas sachlicher angehen. Bei den Holländern wird ständig etwas vom Publikum hineingerufen, was das Quiz ein wenig beliebig macht. Ich glaube, dass die Deutschen in der Tat ein wenig mehr Ernsthaftigkeit und die Leitidee eines fairen Spiels benötigen, um sich beim Fernsehen wohl zu fühlen.

teleschau: Seit den überdrehten Anfangsjahren des Privatfernsehens sind ironische Unterhaltungsshows wie "Tutti Frutti" bei uns lange passé. Knüpft Ihre neue Show dort an?

von der Lippe: "Ich liebe Deutschland" ist ein augenzwinkerndes Quiz, aber kein Klamauk. In Holland entsteht dieser Eindruck vielleicht durch die dortigen Team-Captains, die ziemlich einen los machen. Bei uns werden Marc Bator und Sonya Kraus diesen Job übernehmen - reizvoll gegensätzliche Charaktere, aber eigentlich ernsthafte Menschen. Deshalb sehe ich die Show nicht in der Nähe von Klamauk. Sie ist sehr stimmungsvoll, weil man als Gruppe spielt und für das Publikum gewinnt. Das erzeugt einen ungeheueren Effekt, was die Stimmung im Saal betrifft. Ich bin von der Show absolut überzeugt. Und das seit langer Zeit das erste Mal. Ich hatte viele Angebote, etwas in dieser Richtung zu moderieren - habe aber immer abgesagt, weil ich nicht überzeugt war.

teleschau: Sie haben seit "Extreme Activity", das 2007 endete, keine große Show mehr im Fernsehen moderiert.

von der Lippe: Das stimmt nicht. Ich mache beim MDR nach wie vor "Frei von der Lippe", eine reine Sprachsendung. Und bis Jahresende 2010 hatte ich beim WDR die Sendung "Was liest du?", die unverständlicherweise abgesetzt wurde. Es ist richtig, dass ich seit vier Jahren keine klassische Unterhaltungsshow mehr bei einem der großen Sender als Gastgeber geleitet habe.

teleschau: Was hat Ihnen an jenen Angeboten, die Sie hatten, nicht gefallen?

von der Lippe: Kann ich nicht analytisch genau sagen. Entweder, es gefällt mir etwas, oder nicht. Mir hat nichts gefallen. Andererseits entwickele ich auch Showkonzepte, die ich eingereicht habe - die wiederum bei den Sendern niemanden interessierten. Weil ich nicht darauf angewiesen bin, Fernsehshows zu machen, habe ich es eine Weile bleiben lassen.

teleschau: Sie moderieren seit 1980 Unterhaltungsshows. Wenn Sie heute entsprechende Sendungen anschauen - was gefällt Ihnen und was nicht?

von der Lippe: Bei einer Quizshow kann man nicht viel verkehrt machen. Wenn es viel zu gewinnen gibt, ist es immer spannend - ob das nun Günther Jauch, Jörg Pilawa oder Kai Pflaume machen. Das Spannendste, was wir im deutschen Fernsehen in Sachen Unterhaltung haben, ist jedoch mit Sicherheit Stefan Raab. Der Typ ist ein Wahnsinniger, ich bewundere ihn. Er hat diesen absoluten Siegeswillen. Nebenbei setzte er so viele verrückte Konzepte durch, dass mir das wirklich imponiert. Für mich ist Stefan Raab der Letzte einer Generation, die das Fernsehen noch mit eigenen Ideen verändern konnte. Auch ich hatte das Glück, früher mal dazuzugehören. Die Entwicklung geht aber in eine andere Richtung. Shows sind Konsensveranstaltungen. Viele Köche rühren in einem Topf. Bei so etwas kommt - wenn man Glück hat - guter Durchschnitt raus.

teleschau: Woran liegt es, dass Shows heute vor allem Konsens sein müssen?

von der Lippe: Natürlich an der Quotenhatz. Bei den Privaten kann ich die mangelnde Risikobereitschaft verstehen. Bei den Öffentlich-Rechtlichen hingegen nicht. Die liegen doch im gemachten Bett, finanziert vom Gebührenzahler. Die könnten sich viel mehr trauen, tun es aber nicht.

teleschau: Gab es früher bessere, radikalere Shows in deutschem Fernsehen?

von der Lippe: "Wetten, dass ..?" war ein geniales Konzept von Frank Elstner, gar keine Frage. Im Grunde kann man die deutsche Unterhaltungsshow-Historie aber an einer Person festmachen - Peter Frankenfeld. Er konnte einfach alles: alle deutschen Dialekte, er zauberte, sang, hatte immer 500 Witze parat. Dazu war er ein genialer Formaterfinder. Seine Shows könnte man heute eins-zu-eins mit einem neuen Moderator übernehmen. Mit einem Daniel Hartwich oder Matthias Opdenhövel zum Beispiel. Junge Leute, die mir von ihrer schnoddrigen Art sehr gut gefallen.

teleschau: Seit Jahren gibt es eine Flut von Quizsendungen, aber wenige gute Spielshows - oder?

von der Lippe: Vor "Wer wird Millionär" hätte niemand damit gerechnet, dass es zu einem solchen Revival der Quizshow kommt - das Format wurde damals übrigens vom NDR abgelehnt (lacht). Ich denke, das ist eine zyklische Angelegenheit. In den letzten Jahren war Quiz übermächtig. Aber ich denke, dass jetzt gewisse Ermüdungseffekte einsetzen und die Spielshow wiederkommt.

teleschau: Sie sind vor kurzem 63 Jahre alt geworden. Damit befinden Sie sich außerhalb der werberelevanten Zielgruppe, die ihr Sender zu erreichen versucht. Macht das für Sie überhaupt Sinn?

von der Lippe: Auch die Privaten müssen dem demografischen Wandel Rechnung tragen. SAT.1 holt derzeit verdiente Mitarbeiter wie Ulla Kock am Brink, Ingolf Lück oder mich zurück - daran kann man schon eine gewisse Strategie ablesen. Bald gibt es überhaupt nur noch älteres Publikum. Das sehe ich auch an meinem Bühnenprogramm. Das sind mittlerweile fast schon Comedy-Crashkurse für Senioren. Irgendwann muss man sich von der werberelevanten Zielgruppe, jener Erfindung vom ehemaligen RTL-Chef Thoma, verabschieden. Sie existiert ja gar nicht. Dass Ältere markentreu sind und nicht durch Werbung beeinflussbar - das stimmt doch alles hinten und vorne nicht.

teleschau: Was reizt Sie heute noch im deutschen Fernsehen?

von der Lippe: Fernsehen ist eine Möglichkeit der Unterhaltung, und mich reizen alle Möglichkeiten, gute Unterhaltung zu machen - soweit ich es kann. Außer Ausdruckstanz und Synchronschwimmen kommen da eigentlich ziemlich viele Disziplinen in Frage. Ich bin immer ein Bühnenmann gewesen, was ich auch immer bleiben werde. Fernsehen ist für mich eine Herausforderung so nebenbei.

teleschau: In den letzten Jahren standen Sie - abseits der beiden Sendungen in den Dritten Programmen - vor allem auf der Bühne?

von der Lippe: Kann man so sagen. Ich hatte mein großes Programm in Hallen mit etwa zweieinhalbtausend Leuten gemeinsam mit meinen beiden Musikern. Das läuft immer weiter. Und dann hatte ich in den letzten beiden Jahren noch zwei Leseprogramme, mit denen ich im etwas kleineren Rahmen unterwegs war.

teleschau: Als Bühnenmensch bekommt man viel Rückmeldung vom Publikum. Würden Sie sagen, der Humor der Deutschen hat sich gegenüber früher deutlich verändert?

von der Lippe: Nein, eigentlich nicht. Der Deutsche wird immer noch gern als humorlos beschrieben, was aber nicht stimmt. Wir sind heute genauso Humorverbraucher wie jede andere Nation. Gute Produkte kommen an, schlechte weniger. Das Feuilleton hatte früher ein Problem mit Comedy, das ist richtig. Dass es heute anders aussieht, ist übrigens ein Verdienst der privaten Fernsehsender. Indem sie vielen Talenten ein Forum im Fernsehen gaben, sorgten sie dafür, dass Humor in den Medien konsensfähiger wurde.

teleschau: Sind Humorarbeiter also anerkannter als früher?

von der Lippe: Das denke ich schon. Goethe sagte einmal, es sei das Schicksal des Deutschen, dass er über allem schwer würde. Und in der Nazizeit hat man fein säuberlich alles an gutem jüdischen Humor getötet oder aus dem Land gejagt. Worunter wir lange zu leiden hatten. Mittlerweile haben wir aber eine sehr schöne, abwechslungsreiche und auch durchlässige Szene. Kabarettisten wie Dieter Nuhr oder Urban Priol trauen sich, richtig komisch zu sein. Auf der anderen Seite gibt es sehr viele geistreiche Comedians. Dass die Trennung zwischen den verschiedenen Humorarten nicht mehr so eng ist, finde ich eine sehr schöne Entwicklung.

teleschau: Vergleichen Sie die deutsche Humorszene mit Comedy-Hochburgen wie England oder Amerika?

von der Lippe: Nicht mehr so intensiv wie früher, da bin ich viel gereist und habe mir sehr viel angeschaut. Mit dem Alter habe ich furchtbare Probleme mit dem Jetlag bekommen, deshalb reise ich nur noch ungern in die Ferne. Die Amis haben sehr viele Leute, die in etwa das Gleiche machen. Stand-Up Comedy im weiteren Sinne. Hier in Deutschland gibt es dagegen viele Leute, die ganz eigene, schräge Sachen machen - zum Beispiel Olaf Schubert, Johann König oder Rainald Grebe.

teleschau: Haben Sie noch einen beruflichen Traum, den Sie sich erfüllen wollen?

von der Lippe: Mein Traum besteht darin, einfach weiter zu machen. Ich genieße es, ein Programm zu haben, das funktioniert. Und damit auf der Bühne zu stehen. Wenn man jeden zweiten oder dritten Abend Standing Ovations bekommt, kann einen das verdammt süchtig machen (lacht). Jetzt schreibe ich am nächsten Programm. Dazu werde ich 2013 Theater spielen - das Stück habe ich gerade geschrieben. Auch Bücher sind in der Planung, dazu ein kleines Programm mit alten Folksongs. Ich habe den schönsten Beruf der Welt. Deshalb fiebere ich auch keinem Pensionsdatum entgegen.

Person
Moderator Jürgen von der Lippe
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Jürgen von der Lippe moderiert die neue SAT.1-Show "Ich liebe Deutschland".

 
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