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Raumklang Klang-Spezialist Tatsuo Nishimura im Portrait

Als Denon-Chef engagierte sich Tatsuo Nishimura für unverfälschten Raumklang. Danach verschrieb er sich ganz dem Kino im Kopf mit seinem eigenen Musik-Label.
Orchester © S. Schickedanz, T. Nishimura, C. Heysel

Während der Gemeinschaftsproduktion des Hessischen Rundfunks mit Denon trafen Mitte der Neunziger Jahre in der Alten Oper Frankfurt zwei Kulturen aufeinander: Auf der einen Seite standen die Rundfunkleute, die bei der Aufzeichnung von Gustav Mahlers 4. Sinfonie auf althergebrachte Tonmeister-Tugenden wie Kompatibilität zu Mono-Radios und zu einfachen Stereoanlagen Wert legten.

Auf der anderen Seite die Toningenieure des japanischen Herstellers, dessen CD-Produktionen und Audioanlagen sich an höchsten Ansprüchen orientierten.

Was den Umgang mit den Mikrofonen betrifft, schieden sich die Geister: Um ihre Mission zu erfüllen, verwendeten die HR-Tontechniker jede Menge Stützmikrofone, um die einzelnen Instrumente aus nächster Nähe präzise zur Geltung zu bringen für die Ausstrahlung der von Eliahu Inbal dirigierten Aufzeichnung.

Weil sich aus den Signalen der dazu benötigten vier Dutzend Mikrofone mit ihren unterschiedlichen Perspektiven nachher kein räumliches Stereosignal zusammensetzen lässt, kamen Effektgeräte zum Einsatz. Diese künstlichen Zusätze widerstrebten der Denon-Delegation gründlich, die parallel eine CD aufzeichnen wollte.

Tatsuo Nishimura macht Live-Aufnahmen in europäischen Konzertsälen und Kirchen. In der lebensechten Rekonstruktion von Hall und Raum sieht er eine Mission: In seiner japanischen Heimat klingen Konzertsäle trocken.

Immerhin hatten die aus Ratingen angereisten Aufnahme-Ingenieure einen mächtigen Fürsprecher an den Main mitgebracht: Tatsuo Nishimura, seit 1990 Geschäftsführer der deutschen Denon-Dependance, begleitete das Team bei jeder Gelegenheit zu seinen Einsätzen.

Schließlich ließ ihn seine Leidenschaft zur Musik von einer japanischen Elektrobauteile-Gruppe 1967 als technischer Leiter zum Bandgeräte-Spezialisten Akai wechseln. Danach blieb er nicht nur der Hi-Fi-Branche treu, sondern ging sogar als Denon-Chef seiner Ingenieurs-Leidenschaft an vorderster Front nach.

Die verlief in diesem Moment zwischen dem großen Saal der Alten Oper, wo die Orchesterproben stattfanden, und dem darunter gelegenen Mozart-Saal. Dort baute Nishimura eine high-endige Referenz-Anlage auf, um den HR-Verantwortlichen anhand einer improvisierten Zwei-Kanal-Aufnahme zu demonstrieren, was natürliche Räumlichkeit ist.

"Der Kontrabass war viel zu groß im Verhältnis zu den anderen Instrumenten. Und die beigemischten Raumklangeffekte machten die Tiefenstaffelung zunichte", erinnert sich Tatsuo Nishimura mit merklichem Entsetzen.

Die Überzeugungsarbeit gelang dem Manager, der sich zuvor mit seiner Überzeugung gegen die eigenen Toningenieure durchsetzen musste. Die wollten zwar eigentlich nicht so viele Mikrofone nehmen wie für Radioübertragungen nötig waren, doch mit nur zwei Mikrofonen ohne jegliche Stützen zu arbeiten widerstrebte ihnen anfangs auch.

Der Erfolg gab Nishimura Recht. Nicht nur unter audiophilen Klassikliebhabern, sondern auch innerhalb der Fachwelt stießen die als "One Point Recordings" vermarkteten Scheiben auf äußerst positive Resonanz.

Als 1998 die DVD-Video einen Boom erlebte, sah der Raumklang- Liebhaber eine Chance, puristisch produzierte Mehrkanal-Aufnahmen zu veröffentlichen. Ohne auf das Erscheinen der speziellen Audio-Version der DVD zu warten, startete Denon die 3/2-Kanal-Aufnahmen der Ambience-Serie mit Dolby-Digital-Ton und sorgte abermals für Aufsehen.

Nach der Rente das eigene Label

Im Jahr 2000 hatte Nishimura das Rentenalter erreicht, das in Japan schon mit 60 beginnt. Für einen Überzeugungstäter wie "Nishi" nur ein Grund, sich erst recht vollends in sein Metier zu knien. Er machte in eigener Regie unter dem Label Nishimura Music da weiter, wo er bei Denon aufgehört hatte.

Er mixte die beiden von ihm maßgeblich geprägten Aufnahmeverfahren One Point und Ambience, die er parallel produzierte und gemeinsam auf die DVDs packte. Wieder einmal nutzte Nishimura geschickt die Gunst der Stunde.

Nachdem die Software-Industrie in seinem Mutterland den klanglich überragenden neuen Standard wegen Kopierschutz-Querelen ausbremste, fragten ihn japanische Firmen, ob er sie nicht von Deutschland aus mit der nötigen Software für ihren neuen DVD-A-Player versorgen könnte.

Dass andere Hersteller an ihn herantraten, zeigt die internationale Wertschätzung des unermüdlichen Tüftlers. In Japan bekam er für seine Produktion "Wiener Abend" sogar einen Award.

Dennoch blieb ihm der große kommerzielle Erfolg verwehrt, weil er lieber im Studio sitzt, statt Marketing zu betreiben. Er investierte einen Teil seiner Pension in seinen Traum.

Jetzt, mit über 70 Jahren, betritt er abermals Neuland. "Kürzlich trat ein großer japanischer Hersteller an mich heran: Ob ich nicht für seine neue Online-Musikplattform hochauflösende 24-Bit-/192-kHz-Downloads aus meinem Programm liefern könne", freut sich der Unternehmer.

Er hat gerade eine neue Produktion für diesen Partner abgemischt: eine Oper über Jeanne d‘Arc. Es wäre ihm zu wünschen, dass er noch zu Lebzeiten mit seinen unkonventionellen Raumklängen zu Ehren kommt.

Normalerweise arbeiten Tonmeister mit vielen Mikrofonen, die einzelne Instrumente aus nächster Nähe aufnehmen. Die Räumlichkeit wird künstlich im Studio erzeugt.

Der Mikrokosmos der Klassik

Klassik-Aufnahmen sind die Königsdisziplin der Plattenproduktionen. Bei einem Sinfonie-Orchester kommen 40 bis 50 Mikrofone zusammen. Dabei gerät das Größenverhältnis der Instrumente durcheinander; Räumlichkeit lässt sich nur künstlich erzeugen. Dafür sind die Aufnahmen monokompatibel. Was beim Rundfunk zählt, lässt sich bei CDs vernachlässigen, die auf hochwertigen Stereoanlagen wiedergegeben werden.

Mit dem Rundfunk-Sinfonie-Orchester Frankfurt wagte Denon auf Drängen seines damaligen Chefs T. Nishimura die Veröffentlichung einer reinen Zwei-Kanal-Aufnahme von Mahlers 4. Sinfonie. Angespornt durch den Erfolg, profilierte sich Denon mit einer Serie von One Point Recordings.

 
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