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Musik im Schrank Nostalgie: Die Musiktruhe

Damit wir uns richtig verstehen: Phonomobiliar gibt es auch heute noch. Aber es spielt eine untergeordnete Rolle. Damals, in den Sechzigern, war das anders.

Radio,
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© Hersteller/Archiv

Damals, in den Sechzigern, gab es noch die gute Stube, jenen heiligen Bereich des Hauses, der eigentlich den Sonntagen und wichtigen Gästen vorbehalten war. Was auch der Grund war, dass das Mobiliar in den damaligen Wohnzimmern mit Sitzdeckchen geschont wurde und der Tisch mit der Pseudo-Marmorplatte in Windeseile mit kleinen Untersetzern versehen wurde, sobald wirklich Gefahr bestand, dass Wein- oder Biergläser darauf abgestellt werden könnten.

An Sonntagen oder wenn Gäste da waren, wie etwa der Vertreter für Lebensversicherungen. Die eigentliche intrafamiliäre Kommunikation fand für gewöhnlich in der Küche statt.

TV hält Einzug

Ein wenig änderte sich das, als das TV-Gerät als Massenmedium einzog, denn im Gegensatz zu den Radiogeräten, die für gewöhnlich in der Küche standen, stellte man den Fernseher ins Wohnzimmer. Und damit verlagerte sich ein Großteil der sozialen Kontakte der Familie in die gute Stube. Immer noch mit Untersetzern und Schondecken – aber nicht mehr nur für den Versicherungsvertreter. Für den gepflegten Musikgenuss konnte man sich mittlerweile Geräte kaufen, die genauso repräsentativ waren wie Fernsehgeräte: Musiktruhen oder Musikschränke.

All in One

"All in One" ist ein sehr neuer Ausdruck, wie ja die unverkennbare Zugehörigkeit zu der Gruppe der Anglizismen nahelegt. Aber der Gedanke ist schon wesentlich älter. Und so war es klar, für den Wirtschaftswunder-Verwöhnten ein weiteres Prestigeobjekt mit Nutzwert zu schaffen.

Also tummelten sich fortan in einem Möbel, das ebenso lackiert und glänzend war wie die TV-Geräte, mindestens ein Plattenspieler und ein Rundfunkgerät. Bisweilen kam auch noch ein Tonbandgerät hinzu, das aber von außen völlig unsichtbar war. Im tiefen Bauch des Geräts war das Band versteckt, ließ sich nicht wechseln, und wenn vier Stunden aufgenommen waren, dann war es eben voll – basta.

Wuchtige Musiktruhen

Radio und TV waren damals noch Medien, die sich wechselweise kaum beeinflussten. Denn erstens war das Fernsehprogramm in den Sechzigern knapp bemessen, und der größte Teil des Tages verging bei ARD und ZDF mit dem Testbild. Und dann war das Radioprogramm einfach wesentlich vielfältiger: Musik gab es im Fernsehen wenig, die Sendestationen beim Rundfunk hingegen waren Legion und das Hörspiel eine echte Alternative zum Spielfilm, der ohnehin nicht im TV kam.

Dass sich also die Familie vor der wuchtigen Musiktruhe versammelte – von Telefunken, Grundig, Loewe oder Graetz –, war also kein Wunder. Sogar die Beatles-Scheiben der (damals noch weniger konsumorientierten) Söhne und Töchter liefen in den ehrwürdigen Kisten. Wenn das Familienoberhaupt nicht auf "Das Wunschkonzert" bestand.

Solide Technik

In den Geräten steckte solide deutsche Technik: Glühende Röhren verstärkten die RF-Signale, Tonarme, denen man ihr Gewicht schon an der Form ansah, kratzten die Platten weich, und Stereo war – selten – möglich. MW, die Mittelwelle mit ihrem fragwürdigen Mono-Klang, war das bevorzugte Band der Radiohörer, denn UKW war oft noch kein Thema und Langwelle grässlich. Die Lautsprecher hatten riesige Membranen, aber miesen Klang, und schon wenige Jahre später war das Design der Apparate ein Fall fürs Museum.

Als dann die Siebziger mit ihren bunten Farben und geometrischen Formen hereinbrachen, waren die Musiktruhen kalter Kaffee. Manchmal erhielten sie noch ihr Gnadenbrot in einer WG, wo sie als ständiges Memento an die Spießergesellschaft herhalten mussten. Die hatte mittlerweile ebenfalls Radios in Orange im giftgrünen Wohnzimmer stehen. Und Plastikmöbel, die nicht lange hielten. Das Leben ist voller Missverständnisse.


 
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