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Ratgeber Der Prophet zieht nach Osten

So ist er, der Bayer. Im Freistaat daheim, in der Welt zu Hause. Sogar vor den Sachsen schreckt er nicht zurück. Dass sich Waldemar Hartmann mit seinem bierseligen ARD-Fußball-Talk "Waldis Club" zum Bundesligastart am Freitag, 5. August, Punkt 22.45 Uhr aus Leipzig meldet, ist dann aber doch mehr als eine Randnotiz. Wandelt der bajuwarische "Kultmoderator" (ARD), den alle nur "Waldi" nennen, auf Abwegen? Im Interview lobt der 63-jährige Wahlschweizer die Kollegen vom ortsansässigen MDR über den multimedialen Klee und lässt durchblicken, dass sich der Riss zwischen ihm und seinem Heimatsender BR in diesem Leben wohl nicht mehr kitten lässt.
© MDR / Marco Prosch

teleschau: Herr Hartmann, was verschlägt einen Ur-Bayern wie Sie nach Sachsen?

Waldemar Hartmann: Zunächst einmal ist der Mietvertrag für das "Seehaus" im Englischen Garten, aus dem "Waldis Club" gesendet wurde, freundschaftlich ausgelaufen. Für die Familie Kuffler, der das "Seehaus" gehört, war es nicht möglich, die potenziellen Sendetermine alle freizuhalten. Ich war also auf der Suche nach einer neuen Location.

teleschau: In München sind Sie nicht fündig geworden?

Hartmann: Natürlich hätten wir auch in München eine Location gefunden. Es haben auch viele Gastronomen angeklopft. So eine Sendung ist für den Gastgeber ja Werbung. Aber dann kam ich mit dem MDR ins Gespräch, mit dem ich seit zehn Jahren bei den Boxübertragungen für die ARD freundschaftlich zusammenarbeite. Wir waren 2010 auch zusammen bei den Olympischen Winterspielen in Vancouver. Da habe ich zum ersten Mal das trimediale Arbeiten kennengelernt.

teleschau: Tri-was?

Hartmann: Genau (lacht). Das bedeutet: Fernsehen, Hörfunk und Internet liegen redaktionell in einer Hand. Beim MDR waren sie die Ersten, die das im ARD-Senderverbund eingeführt haben. Ich bin ja schon etwas länger auf der Welt und nutze kein Facebook und kein Twitter. Aber auch ich sehe, dass du in der heutigen Medienlandschaft diese begleitenden Maßnahmen im Internet brauchst, weil die jungen Leute nun mal drauf abfahren. Da ist der MDR ganz weit vorne. Dort hat man mir gesagt: Du brauchst für Deine Sendung eine Internetseite und was da sonst alles so handelsüblich ist. Wir bieten Dir das.

teleschau: Der BR hat Ihnen das demnach nicht geboten?

Hartmann: Sehen Sie: Das ist jetzt die 50-Euro-Frage, und ich nehme alle drei Joker.

teleschau: Ein neues Kapitel ihrer schwierigen Beziehung zu ihrem Heimatsender?

Hartmann: Es ist ja kein Geheimnis, dass ich mit dem Fernsehdirektor des BR kein besonders kollegiales Verhältnis pflege. Gerhard Fuchs hat mich 2009 aus dem BR-"Sonntags-Stammtisch" mit einer fadenscheinigen Begründung ausladen lassen. Da wusste ich, das geht so nicht weiter.

teleschau: Aber "Waldis Club" lief doch immer mit großem Erfolg.

Hartmann: Dazu nur eine Geschichte: Bei der EM 2008 hatten wir nach dem Deutschlandspiel gegen Portugal alleine im BR-Sendegebiet einen sensationellen Marktanteil von 49,1 Prozent. So viel hatte noch keine Papstübertragung. Wenn du dann von deinem Direktor nichts hörst und wenn du von deinem Intendanten nichts hörst, dann fragst du dich doch: In welcher Schublade liege ich hier eigentlich?

teleschau: Und vielleicht fragt man sich auch, warum man dort gelandet ist ...

Hartmann: Das hat sicher viel damit zu tun, dass der Prophet im eigenen Land nichts zählt. Deshalb gibt mir das einen neuen Kick, wenn ich sehe, wie beim MDR alle machen und tun. Das ist für mich ein neues Gefühl, das ich genieße. Dass im Hörfunk auf die Sendung hingewiesen wird. Dass wir eine Internetseite bekommen. Dass Zuschauer über Skype in die Sendung eingebunden werden. Dass wir nach der Ausstrahlung mit den Zuschauern chatten. All das Interaktive, was heutzutage quasi zur Grundausstattung zählt, bietet mir der MDR. Und dann kommt noch eins hinzu: Die Leute in Leipzig freuen sich richtig auf die Sendung!

teleschau: Gibt's keine sächsischen Berührungsängste mit dem Moderator aus Bayern?

Hartmann: Nein, im Gegenteil! Ich war schon ein paarmal dort wegen der Vorbesprechungen. Das ist ja Fußballdiaspora dort drüben so ganz ohne Erstligaklub! Das ist eine weiße Landkarte, und wir machen den ersten Farbklecks drauf! Der Witz ist ja auch, dass wir aus dem "Bayerischen Bahnhof" senden.

teleschau: Ein Hotel?

Hartmann: Nein, das ist ein stillgelegter Bahnhof, auf dem früher die Züge Richtung Bayern fuhren. Den hat ein Gastronom aus Weißenburg restauriert. Die Ironie schlägt zu: Die Adresse ist Bayerischer Platz 1. Ich kann also mit Kerkeling sagen: Ich bin dann mal weg, aber nicht so ganz.

teleschau: Was wird denn künftig serviert? Pils?

Hartmann: Nein, nein, nein! (lacht) Auf diesem Areal gibt es unter anderem einen Biergarten, in den wir bei schönem Wetter ziehen können. Wer's nicht weiß, wird den Unterschied zu vorher gar nicht bemerken.

teleschau: Merkt man denn der Gästeliste an, dass Sie aus Leipzig senden?

Hartmann: Die Eröffnungssendung, die wir nach dem Bundesligaauftakt Dortmund gegen HSV machen, ist schon auch als Hommage an den ostdeutschen Fußball gedacht. Zu Gast ist unter anderem Frank Schöbel. Der Name wird ihnen wahrscheinlich gar nichts sagen.

teleschau: Ein sehr erfolgreicher ostdeutscher Schlagersänger.

Hartmann: Hallo! Der Udo Jürgens der DDR quasi! Der hat, das wusste ich auch nicht, das Eröffnungslied der Fußball-WM 1974 gesungen. Der kommt aus Leipzig, ist ein totaler Fußballfreak und kickt noch mit 70. Den hab' ich sofort eingekauft! Ich hatte während der WM auch mal den früheren Cottbus-Trainer Ede Geyer in der Sendung sitzen. Der war sehr frisch! Geyer ist völlig schmerzfrei, weil er nicht vor dem DFB oder sonst wem buckeln muss. Der haut einfach raus, was er denkt. Der wird sicher mal wiederkommen.

teleschau: "Waldis Club" läuft sehr erfolgreich seit inzwischen fünf Jahren ...

Hartmann: Allerdings. Die Sendung ist ausgereift, die muss nicht mehr durch den Windkanal. Da wird's bei den Verantwortlichen vom MDR auch keine betretenen Gesichter geben. Weil das Ding läuft!

teleschau: Hatten Sie diese Zuversicht schon vor fünf Jahren?

Hartmann: Nein, nicht wirklich. Es wurde zwar immer mal versucht, Kabarett und Comedy bei sportlichen Großereignissen einzubinden. Aber das war immer eine Nische. Die erste Mal, dass das als eigenständiges Format funktionierte, war bei den Winterspielen 2006 in Turin mit "Waldi & Harry". Als dann aber im selben Jahr die Weltmeisterschaft bevorstand, stand ich da wie Oli Kahn: WM im eigenen Land, und ich bin nicht dabei. Weil Harald Schmidt meinte, mit Fußball funktioniere die Sendung nicht.

teleschau: Sie haben ihn am Ende doch überredet.

Hartmann: Ich griff die Idee der DSF-Talksendung "Doppelpass" auf. Also ging ich zum damaligen WDR-Sportchef Heribert Faßbender und sagte: "Fassi, wieso überlassen wir so ein Format einem Sender, der keine Rechte am Turnier hat?" Als dann Harry meinte, er macht mir unter diesen Voraussetzungen den Lattek, ging's ganz schnell. Auch weil Harry damals noch der Guru war und alle Intendanten vor ihm niederknieten.

teleschau: Ihr Vertrag wurde gerade bis zur EM 2012 verlängert, wie zu lesen war.

Hartmann: Da greift bei der ARD die Kraft des Faktischen. So ein Erfolgsrezept, wie wir es haben, wirft man nicht einfach weg. Wenn ich lese, dass mich sogar die "taz" bei der Frauen-WM vermisst, dann fang ich schon selber das Nachdenken an.

teleschau: Warum gab es denn keinen "Waldis WM-Club" zur Frauen-WM?

Hartmann: Wegen der Sendezeit. Wir waren uns eigentlich einig, dass wir drei "WM-Clubs" machen. Von Bärbel Schäfer, Susanne Fröhlich und Hella von Sinnen hatte ich schon Zusagen. Das hätte großen Spaß gemacht. Dann zeigte sich aber, dass der Spielplan gegen uns ist. "Waldis Club" ist ein Late-Night-Format, wir hätten aber am frühen Abend senden müssen. Das hätte keinen Sinn gehabt.

teleschau: Stattdessen läuft "Waldis Club" zum Bundesligastart. Was erwarten Sie sich? Kann der BVB an die Vorsaison anknüpfen?

Hartmann: Da liege ich ganz auf der Kloppo-Linie, der sagt: Warum sollten wir aufhören, guten, schnellen Fußball zu spielen? Dass sie den Titel verteidigen, glaube ich aber nicht. Die Bayern haben mit Heynckes endlich wieder Ruhe im Karton, die werden Meister.

teleschau: Die zweite "Waldis Club"-Ausgabe läuft nach dem Länderspiel Deutschland gegen Brasilien. Das hätte ja eigentlich Michael Ballacks Abschiedsspiel werden sollen.

Hartmann: Ballack hat mir leider abgesagt.

teleschau: Sie hatten ihn ernsthaft eingeladen?

Hartmann: Ja klar. Ich sagte ihm: "Eine bessere Bühne kriegst Du nicht. Du kannst auch zu Beckmann oder zu Maischberger gehen. Aber das sind keine Fußballsendungen." Schade, dass er nicht kommt, aber er hat ne Wild Card. Wenn er vormittags anruft und sagt, er kommt doch, werden wir noch einen Stuhl finden.

teleschau: Wer sagt in dem unsäglichen Streit eigentlich Ihrer Meinung nach die Wahrheit: Ballack oder Jogi Löw?

Hartmann: Ich glaube Ballack. Ich denke, Löw wollte bei dieser Aussprache im März auf Zeit spielen und so kurz nach der Testspielniederlage gegen Australien nicht noch einen Nebenkriegsschauplatz aufmachen, indem er den Kapitän öffentlich abserviert. Da hat er laut Ballack halt gesagt, bleib dran und arbeite, so sind die auseinandergegangen. Meine Kontakte beim DFB sagen: Das Löw-Deutsch ist ein verschlüsseltes, da muss man zwischen den Zeilen lesen.

teleschau: Ihre guten Kontakte waren immer Ihr Markenkern ...

Hartmann: Ich mache den Job seit 35 Jahren. Das Schöne ist: Die Spieler meiner Generation sind inzwischen in Entscheiderpositionen. Das gute Verhältnis hat sich aber fortgesetzt. Mit Leuten wie Christian Ziege oder Jens Jeremies pflege ich sogar Freundschaften. Die haben immer gewusst: Mir kann man auch mal was im Vertrauen erzählen. Auch wenn ich nicht gleich alles rausposaune, gelte ich gemeinhin als gut informiert, und das reicht ja. Der "Kicker" hat mal nach einer WM über mich geschrieben: "Der weiß alles, sagt nur die Hälfte, und das ist mehr als die anderen wissen."

teleschau: Ist die heutige Spielergeneration für so eine Herangehensweise noch empfänglich?

Hartmann: Ich glaube, dass das nicht mehr so möglich ist. Manche meiner jüngeren Kollegen hecheln den Spielern fast schon peinlich hinterher. Aber das hilft ihnen nichts. Die Spieler werden von ihren Beratern heute hermetisch abgeschottet. Um die wird regelrecht eine Wagenburg gebaut. Früher hab ich einen jungen Spieler einfach angerufen, heute muss man den Berater kontaktieren, und die Spieler haben gestanzte Antworten parat. Das ist ein Kollateralschaden der Kommerzialisierung des Fußballs. Das Rad dreht keiner mehr zurück. Die Zeiten haben sich geändert, das beklage ich gar nicht. Ich bin aber heilfroh, dass ich aus dem operativen Geschäft raus bin.

teleschau: Dachten Sie jemals daran, die Brocken ganz hinzuschmeißen?

Hartmann: Die Brocken hinschmeißen - das ist schnell gesagt. Ich bin Freiberufler. Wenn ich den "Club" nicht mehr mache, habe ich diese Einnahmequelle nicht mehr. Und wenn die ARD Boxen aus dem Programm nimmt, muss ich meiner Frau sagen, dass wir das zweite warme Essen streichen müssen.

teleschau: Vielleicht könnte ja Ihre Bühnenkarriere ein zweites Standbein werden. Ihr Programm heißt "Born to be Waldi".

Hartmann: Es sollte ursprünglich sogar eine Tournee werden. Das hat sich aber leider durch eine schwere Krankheit meiner Frau erledigt, die erst vor einigen Wochen vollständig genesen ist. Damals wollte ich bei ihr sein und nicht durch die Lande tingeln. Das Programm gibt es aber noch. Ich spiele vornehmlich auf Galas: Wenn am Ende eine Stunde gelacht werden darf, kommt Waldi. Ich erzähle Anekdoten aus 30 Jahren Berufsleben.

teleschau: Kann man dabei etwas lernen? Dass man nur mit Humor und Ironie unbeschadet durch eine Fernsehkarriere kommt?

Hartmann: Absolut. Ich bin ja vom Feuilleton jahrelang verprügelt worden. Außer damals bei Völlers Weißbierwutrede, da war's plötzlich eine Sternstunde, obwohl ich nur meinen Job machte. Ich spielte nie eine Rolle und veränderte nie meinen Stil. So etwas führt zwar zu einer hohen Ablehnungsquote. Aber ich sagte mir immer: Wenn jemand mit dem kleinen Dicken aus Bayern nix anfangen kann - da gibt's einen Knopf auf der Fernbedienung!

teleschau: Haben Sie Pläne für die Zeit nach dem Fernsehen?

Hartmann: Nein. Da hat mir Harald Schmidt eine gute Weisheit mit auf den Weg gegeben: Wenn ihn einer fragt, wie lange er seine Sendung noch machen will, antwortet er immer: "So lange, bis sie überhaupt keiner mehr sehen will - und dann noch zehn Jahre."

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Moderator Waldemar Hartmann
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"Ich bin dann mal weg, aber nicht so ganz": Waldemar Hartmann meldet sich zum Bundesligastart am 5. August aus Leipzig. Bajuwarisches Flair ist aber auch in Sachsen garantiert.

 
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